"Vielleicht hab ich es leicht, weil schwer, gehabt. Auf dem Land geboren, aber Sohn des jüdischen Arztes. Dann lebte ich in der Stadt. Ich gehörte nie ganz dazu und nicht nur sah ich deshalb besser, sogar meine Empfindungen, ja meine Triebe waren heftiger."
Ein "Asphaltdichter", "Arbeiterdichter", "erschreckter Kleinbürger" - ein "Soziallyriker", "Fress- und Saufdichter", "Hypochonder" - einer der "ganz großen der österreichischen Literatur", ein "Kaffeehaushocker", "hoffnungslos antiquiert" und "unvergleichlich".
Theodor Kramer wurde geboren am 1. Januar 1897 in Niederhollabrunn, Niederösterreich, im "Weinland", von Wien aus Richtung Nordosten des Habsburger Reichs gelegen. Der Sohn des jüdischen Dorfarztes engagierte sich mit Hanns Eisler und Paul Lazarsfeld in der österreichischen Jugendbewegung und begann früh, Gedichte zu schreiben.
"Für des Lehrlings Schopf, für den Wasserkopf, für die Mütze in des Krüppels Hand,
für den Ausschlag rauh, für die Rumpelfrau, mit dem Beingeschwür im Gehverband
(Für die, die ohne Stimme sind)"

Schwer verletzt im ersten Weltkrieg, hatte Kramer Ende der 20er Jahre große Erfolge mit seinen Gedichten, ohne davon allerdings gut leben zu können. 1939 musste er als Sozialist und Jude ins englische Exil flüchten. Seine Mutter wurde in Theresienstadt ermordet. In England wurde Kramer vorübergehend mit seiner Frau als "Ausländer mit feindlicher Staatsangehörigkeit" interniert.
"Es galt nicht nur zu protestieren, es galt zu beweisen, daß auch unter ungünstigsten Umständen hinter Stacheldraht Gültiges geschaffen werden konnte."
Aus den politisch und wirtschaftlich schwierigen Bedingungen des Exils konnte Theodor Kramer, wie viele Leidensgenossen, nie mehr an frühere Erfolge anknüpfen. Österreich sah er nur noch für kurze Zeit wieder, als er 1957 auf Betreiben des späteren Bundeskanzlers Kreisky aus einer englischen Nervenheilanstalt nach Wien geholt wurde.
"Daß Österreich eine eigene Diktatur hatte und an der Naziherrschaft nicht unschuldig war, davon will man durchaus ganz und gar überhaupt nichts mehr hören, ein Emigrant hat einen Buckel zu machen."
Ein Gemeinschaftsprojekt österreichischer Universitäten zu Exilliteratur hält Theodor Kramer für "den wohl bedeutendsten österreichischen Lyriker der dreißiger Jahre und des Exils, einen Lyriker, der in zerfransten Peripherien zu Hause war, bei Taglöhnern, in Schenken, Nachtcafés, auf Märkten, Rangierplätzen, staubigen Straßen, später in Londoner Parks, Pubs und Vorortezügen. Mit einer ganz eigenen Musikalität, dem zart-bitteren Ton der Ziehharmonika, dem Instrument der Vaganten und Besitzlosen, aber auch mit unerbittlicher Schärfe und Präzision für die Dinge des Alltags, des konkreten Lebens".
Er starb im Frühjahr 1958, kurz bevor er den Literaturpreis der Stadt Wien zum zweiten Mal erhielt, ohne die meisten seiner über 12.000 Gedichte veröffentlicht zu haben. Erst seit den 80er Jahren gibt es durch Erwin Chvojkas Herausgabe der "Gesammelten Gedichte" und die Liedermacher Zupfgeigenhansel und Hans-Eckardt Wenzel ein revival.
Weitere Informationen zu Theodor Kramer gibt es unter
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