Gedichte

Nicht fürs Süße, nur fürs Scharfe
und fürs Bitt're bin ich da;
schlag', ihr Leute, nicht die Harfe,
Spiel' die Ziehharmonika ...

Brief übers Meer

Und eins weiß nicht mehr, was das andere macht.
Mein Mädel, wie ist Dein Gesicht?
Sie haben mich hier in ein Lager gebracht,
ob Du es nun glaubst oder nicht.
Der Stacheldraht starrt in den kahlen Verschlag,
ich schlafe auf Stroh und geh schief,
der Tag wird zur Nacht und die Nacht wird zum Tag:
drum hast Du so lang keinen Brief.
 
Mein Mädel, mein herzliebes, weit überm Meer,
was gibt es jetzt Neues zuhaus,
und macht dir die Chefin das Leben noch schwer
und gehst du am Sammeltag aus?
Hat's Bomben geregnet in euere Ruh
und haben sie Schaden gemacht?
Was sagen die alten Genossen dazu?
Mit wem gehst du schlafen zur Nacht?
 
Mein Mädel, mein gutes, ich nehm dir's nicht krumm,
ist nur, den du herztest, auch rot;
auch ich trieb mich drei oder viermal hier um,
bevor man mir Brom buk ins Brot.
Es quietscht mir das schlammige Naß in den Schuhn
und Pickel besäen mein Gesicht;
und wüßtest du, was bloß zufleiß sie uns tun,
du stauntest und faßtest es nicht.
 
Mein Mädel, ganz abseits zu glauben hält schwer,
und schwerer im Camp noch als je;
der Wind schleift den Staub übers Distelfeld her
und bald mischt der Staub sich mit Schnee.
Wir beide - ich hab es erst später erkannt -
stehn hüben wie drüben allein;
und zieht eine andere Zeit einst ins Land,
so kann's für uns beide nur sein.

Lob der Verzweiflung

Verzweiflung, Freund des Armen,
du letzter Rest vom Rest,
du hast mit ihm Erbarmen,
wenn alles ihn verläßt;
du läßt sein bißchen Leben
im Schein des frühen Lichts
sich krümmen und erbeben
und führst ihn dann ins Nichts.
 
Du hast gar viele Namen,
bist unter allen groß,
heißt Würfel, Messer, Samen,
heißt Branntwein, Strick und Schoß;
du bist im Klirrn der Scherben,
im Zucken des Gesichts,
du fährst ins träge Sterben
und wirbelst es ins Nichts.
 
Du warst mir oft Gefährtin
in meiner Einsamkeit;
für mich wär jeder Wert hin,
wär ich von dir befreit;
gib Kraft mir, daß ich lebe,
und führ mich durch das Nichts,
auf daß ich mich erhebe
am Tage des Gerichts.

Theodor Kramer: Gesammelte Gedichte, 3 Bd., hrsg. von Erwin Chvojka, Wien: Zsolnay 1984ff.